Frieda und Mathias Müller

Frieda und Mathias Müller - Mut in braunen Zeiten

[Wikipedia - Trad.]

Frieda und Mathias Müller - Gerechte unter den Völkern

Frieda Müller und ihr Ehemann Mathias Müller spielten eine wichtige Rolle bei der Rettung der jüdischen Familie Herzberg aus Mannheim in den Monaten Februar und März 1945. Der wohlhabende jüdische Textilhändler Karl Herzberg, aus Danzig stammend, lebte bereits seit seiner Kindheit in Mannheim und heiratete hier eine nichtjüdische Frau. Seine Frau trat der jüdischen Gemeinde bei, ebenso wie ihre drei Kinder – ein Sohn und zwei Töchter. Nach den Nürnberger Gesetzen galten die drei Geschwister als Juden (Geltungsjuden), und die Familie Herzberg wurde wie jede andere jüdische Familie im nationalsozialistischen Deutschland verfolgt. Trotzdem trug die Abstammung der Mutter dazu bei, den jüdischen Ehemann und die beiden Töchter Ilse (1923 - 1984) und Doris (1928 - 2001) – der Sohn hatte es 1938 geschafft, nach Großbritannien auszuwandern – bis sehr spät im Krieg vor der Deportation zu schützen. Im Februar 1945 wurden alle drei von der Gestapo aufgefordert, sich zum Transport ins Konzentrationslager Theresienstadt zu melden. Ab diesem Zeitpunkt trugen Georg Hammer und seine Tochter Gertrud, Wilhelm Bürger sowie Frieda und Mathias Müller dazu bei, die drei Verfolgten zu retten:

Herzbergs ehemaliger Geschäftspartner Wilhelm Bürger, der die Familie Herzberg bereits 1944 mit Lebensmittelkarten unterstützt hatte, beschloss – als er merkte, dass die Amerikaner nicht mehr weit entfernt waren – einen vorübergehenden Unterschlupf für die Herzbergs zu finden.

Er brachte die Familie zunächst bei Gertrud Hammer und ihrem Vater Georg unter. Obwohl diese die Herzbergs nicht kannten, waren sowohl Tochter als auch Vater bereit, der verfolgten Familie vorübergehend Zuflucht in ihrem Haus im nahe gelegenen Stadtteil Sandhofen - Schönau zu geben.

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Frieda und Mathias Müller
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Familie Herzberg
Garten der Gerechten
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Frieda und Mathias Müller finden sich auf der Liste der Gerechten unter den Völkern aus Deutschland. Sie enthält Deutsche, die für die Rettung von Juden während der Zeit des Nationalsozialismus von der israelischen Gedenkstätte Yad Vashem als Gerechte unter den Völkern geehrt wurden. Beide wurden nach ihrem Tod (1969) posthum geehrt.

Details und Weiterführendes:
Bericht von Paul Schick vom 23.Dezember 1983 in der RNZ.
Dossier 1470 Yad Vashem von Doris Herzberg vom 1.Oktober 1983 FAZ
Bericht in der "Rhein-Neckar-Zeitung" vom 27. Januar 2020
Auszug aus einer wissenschaftlichen Hausarbeit für Unterrichtszwecke (Grazyna Sombroek, geb. Klosok, 2005 PH Heidelberg)
Bericht der Sicherheitspolizei über die geflüchtete Familie Herzberg
Eigenbericht von Doris Herzberg über die Flucht vor der Deportation
Bericht der RNZ vom "Holocaust-Gedenktag" am 27.1.2020
Bericht der RNZ über die Anbringung einer Gedenktafel.

Anmerkungen von Klaus Fanz:
In den ersten 25 Jahren meiner Ziegelhäuser Zeit (wohnhaft in Ziegelhausen seit Geburt) und trotz starkem historischem Interesse kam mir von der Geschichte der Herzbergs und Müllers nichts zu Ohren. Die Eltern und Großeltern sprachen zwar öfter von den "Nazi's und Obernazi's" in Ziegelhausen, aber kein Wort über Opfer der Gewaltherrschaft in Ziegelhausen.
Die erste Aufmerksamkeit erhielt ich durch das Buch von Ernst Hug von 1986.
Jetzt - 2021 - machte mich der Enkel der Müllers darauf aufmerksam, dass sich Frieda und Mathias Müller auf der weltbekannten Liste der "Gerechten unter den Völkern" finden.

Es wird höchste Zeit, dass sich die Stadt Heidelberg um eine feste Erinnerung an Frieda und Mathias Müller kümmert.

Klaus Fanz 10.07.2021

Erinnern ist Pflicht 

Gedenktafel für Frieda und Mathias Müller im Rainweg 101

Am 27. August um 10 Uhr wird die neue Gedenktafel am Haus Rainweg 101 offiziell vom Stadtteilverein der Öffentlichkeit übergeben in Anwesenheit von Bürgermeister Wolfgang Erichson. In diesem Haus hatten Frieda und Mathias Müller im Spätwinter 1945 die jüdische Familie Herzberg aus Mannheim vor der Deportation ins Konzentrationslager versteckt. (Zu den Details). Die Eheleute Müller, beide waren 1969 verstorben, wurden posthum 1978 von der israelischen Gedenkstätte "Yad Vashem" als "Gerechte unter den Völkern" geehrt. Am 24. November berät der Bezirksbeirat über die Möglichkeit, dem namenlosen Park an der "Drehscheibe" den Namen der Müller's zu verleihen.

Die Gedenktafel wird der Öffentlichkeit vorgestellt

Am 27.8. war es soweit: Die vom Stadtteilverein gestiftete Gedenktafel am Haus Rainweg 101 (früher 24) wurde der Öffentlichkeit vorgestellt. Stadtteilvereinsvorsitzender Beisel sprach zur Genese des Projekts. Bürgermeister Wolfgang Erichson forderte dazu auf, allen Tendenzen totalitärer und menschenverachtenachtender Art Mut und eigenes Handeln entgegenzusetzen. Gerade in heutiger Zeit sei Achtsamkeit gefragt.

Egon Müller, der Enkelsohn von Frieda und Mathias Müller, der früher selbst im Haus wohnte, zeichnete ein sympathisches Bild seiner Großeltern, die von Arbeit und Sorge um die Familie geprägt, einen solch großartigen Akt der Menschlichkeit begingen.  Er kannte selbst noch die Familie Herzberg, die in diesem Haus ein Versteck gefunden hatte und verlas einen von 

Mathias und Frieda Müller
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Egon Müller schildert die Ereignisse
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Gedenktafel des Stadtteilvereins 27. August 2021
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Doris Herzberg später geschrieben Bericht über diese Zeit. Immer auf der Hut, lautlos mussten sie sein, da noch andere weniger Wohlgesonnene im Haus lebten. Für Frieda Müller, der Hauprperson, aber gab es keinen Kompromiss. Sie wollte die Familie retten. Am Gründonnerstag 1945 war es dann soweit. Die Flüchtlinge und Fluchthelfer lagen sich in den Armen und weinten, als die amerikanischen Panzer die Peterstaler Straße herunterrollten. Die Retter wurden später vom israelischen Staat als "Gerechte der Völker" geehrt. Ehrung im Heimatort gab es leider bisher nicht. Die Gedenktafel war laut Egon Müller ein erster Schritt. Im November soll der Bezirksbeirat darüber beraten, ob dem namenlose Kleinpark in der Ortsmitte der Name der Müller's verliehen werden soll. 
Egon Müller dankte vielen Beteiligten, in erster Linie Wolfgang Vater, der die Umsetzung des Projektes in die Hand genommen hatte, dem Stadtteilverein, Herrn Dr. Giovaninni, der in seinem Buch "Stille Helfer" sich des Geschehnisses angenommen hatte, wie auch schon vorher Ernst Hug und Paul Schick. 

Klaus Fanz 25.08.2021

„Meine Großeltern waren keine Helden, sie halfen, wo es zu helfen galt.“

Lesung in der Versöhnungskirche Ziegelhausen

70 Zuhörer wollten sich über die Rettung der jüdischen Familie Herzberg durch Frieda und Mathias Müller vom Februar/März 1945 informieren, insbesondere die Beweggründe der Retter kennenlernen und zu hören, welche Eigenschaften das israelische Yad Vashem einem Retter zumisst, der als „Gerechter unter den Völkern“ gewürdigt werden soll.

Dr. Norbert Giovannini, Forscher jüdischen Lebens in Heidelberg berichtete über sein Erstaunen während der Entstehung seines Buches „Stille Helfer“, dass der Wille zur Rettung Verfolgter auch außerhalb von Großstädten, akademischem-bürgerlichen oder politisch linken Umfeld zu finden war, getragen vom Vertrauen und der Empathie, die Verfolgte und Retter aufgebaut hatten und – wie der Enkel Egon Müller ergänzte – auch durch gelebte Religiosität. Mathias Müller war Bauarbeiter und Frieda verdiente ihren Lebensunterhalt als Waschfrau in Ziegelhausen mit Kundschaft bis nach Mannheim, dort zur Kaufmannsfamilie Herzberg

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Schriftstellerin Marion Tauschwitz, bekannt auch durch ihre Biografie über Hilde Domin, las aus dem Eigenbericht der verfolgten Doris Herzberg-Perlstein, die die Familiengeschichte der Herzbergs in den letzten Kriegswochen von der armseligen Unterbringung in der zerstörten Stadtwohnung über die erste Fluchtstation in Mannheim-Schönau, der nächtlichen Flucht nach Ziegelhausen in den Rainweg 24, wo sie von den Müllers auf dem Dachboden versteckt und versorgt wurden. Der Lebenswille der 16-jährigen Doris wurde dabei mehrfach auf die Probe gestellt: Durch eine schwere, unbehandelte, Lungenentzündung, ständige Furcht vor Entdeckung - (Dr. Ulrike Schlenker las aus "Ziegelhäuser Geschichten" von Ernst Hug - und Angst und Panik bei Fliegerangriffen und dennoch fand sie immer zu ihrem Lebenswillen zurück, selbst, mit ihrer Familie weiterleben zu wollen, auch in Kenntnis und der Ahnung des millionenfaches Mordes an Angehörigen jüdischen Glaubens.

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Marion Tauschwitz
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Klaus Fanz

Wer waren Frieda und Mathias Müller?

Egon Müller beschrieb seine Großeltern als gütig, arbeitsam, sehr familiär – wie viele Andere im Dorf auch, aber ausgestattet mit jenem Sinn für Menschlichkeit, der sie die Hürde unmenschlichen staatlichen Terrors überschreiten ließ. Nach dem Ende der Nazi-Schreckensherrschaft hatte es aber noch Nachbarn gegeben, die diese Rettungstat verurteilten, eine Würdigung im Dorf oder Land ist nie erfolgt, erst im August 2021 hatte der Stadtteilverein auf private Initiative eine Gedenktafel angebracht, während andere Helfer in Mannheim mit dem Bundesverdienst-orden ausgezeichnet wurden.

 

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Dr. Norbert Giovannini
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Egon Müller

Die Yad – Vashem – Gedenkstätte in Jerusalem, wichtigtes Besuchsziel für ausländische Politiker in Jerusalem, hat Millionen Namen von Opfern des Holocaust aufgeschrieben, aber auch mehreren Tausend Rettern in Form von Baumpflanzungen im „Garten der Gerechten“ ein Denkmal gesetzt, so auch posthum im Oktober 1978 den Ziegelhäusern Frieda und Mathias Müller, die schon beide 1969 verstorben waren.
Dr. Giovannini erklärte die Einbettung der aufgenommenen „Gerechten“ in das Netz israelischen Dankes und Fürsorge bis hin zur Krankenbehandlung und materieller Unterstützung.

Yad Vashem hat nie zwischen der nationalen Zugehörigkeit der Retter unterschieden, sondern nur den Menschen auf Grund seiner Rettungstat gewürdigt: Oskar Schindler, Hermann Maas, Berthold Beitz, um nur einige bekannte deutsche „Gerechte“ zu nennen.

Pfarrer Falk von Uslar eröffnete und beschloss die Lesung mit Worten religiöser Betrachtung, zitierte dazu den von Nazis ermordeten Dietrich Bonhoeffer und Moderator Klaus Fanz konnte den 29.März 1945 nun als konkret fassbares Datum aufnehmen, jenen Tag, den seine Oma immer als den Tag beschrieben hat, an dem „der Ommi kumme is.“, jenen Tag, als die Herzbergs befreit wurden, als die amerikanischen Panzer die Peterstaler Straße herunter rollten.

Julius Jöhrens bereitete den Anwesenden mit seinem virtuosen Klavier- und Orgelspiel eine andere, angenehme, aber auch Nachdenklichkeit erzeugende Beanspruchung des Hörsinns. Besonders das „Impromptu“ von Franz Schubert bettete das Gehörte in einen gelungenen Gesamteindruck ein.

Klaus Fanz 01.11.2021

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Julius Jöhrens