Heinrich Karl Westermann -
Bürgermeister in der größten Not

Heinrich Westermann (1894 - 1972)
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Uns Buben hat er immer Respekt  vermittelt, wenn man ihn in der Hauptstraße oder Heidelberger Straße traf, der im 1. Weltkrieg schwerverwundete und hoch dekorierte Heinrich Karl Westermann. Unsere Eltern, die ihn näher kannten, vermittelten uns auch Ehrfurcht vor diesem Mann, der in "brauner Zeit" wegen seiner Lebensüberzeugungen entlassen und politisch verfolgt wurde. Er stand dennoch 1945 zum Aufbau eines demokratischen Gemeinwesens zur Verfügung. 

Heinrich Westermann wurde am 15. April 1894 in Ziegelhausen geboren. Sein Eltern- und Geburtshaus steht heute noch "mitten im Dorf" und hatte schon vielen Nutzungen wie Drogerie, Ladengeschäft oder Gastwirtschaft "Das Haus am Dorfbrunnen" in der ehemaligen Hauptstraße, demnächst Arztpraxis.

Nach Schulen und Lehrerausbildung bekleidete er seine erste Stelle 1917 /1918 im damals selbständigen Peterstal. Seine Teilnahme am 1. Weltkrieg erbrachte ihm eine schwere Verwundung im Kopfbereich. Nach Kriegsende unterrichtete in verschiedenen Gemeinden in Nordbaden, zum Beispiel in Unteröwisheim, schließlich in Bammental, das er am 1.12.1929 verließ, um eine Stelle in Heidelberg anzutreten.

 

Das Jahr 1919 sollte sein ganzes Leben prägen. Er trat in die SPD ein, eine Parteimitgliedschaft, die - mit Pause im "Dritten Reich", weil es da die SPD nicht gab -bis zu seinem Tode anhielt.

 Im Jahr 1926 wurde er Bezirksvorsitzender des "Reichsbunds der Kriegsbeschädigten" und Gemeinderat in seinem Heimatort Ziegelhausen - in einer wirtschaftlich und politisch bewegten Zeit, als die ersten Überfallkommandos der Nationalsozialisten begannen, ihre Mitmenschen im Dorf zu terrorisieren. Anführer diese braunen Rotte war Karl Odenwälder, dessen demokratischer Nachfolger als Bürgermeister Heinrich Westermann 1945 wurde.

Doch zunächst hatten die Faschisten das Sagen. Hauptlehrer Westermann wurde im Oktober 1933 zwangspensioniert und fürchtete mit Recht um Leib und Leben. Nach anfänglichem Versteck stellte er sich der Polizei, die ihn in "Schutzhaft" nahm. Zynischerweise bedeutete dies, dass der Nun - Häftling auf Dauer in ein Gefängnis oder gar Konzentrationslager hätte verbracht werden können, um ihn vor dem "gerechten Volkszorn zu schützen". 

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"Rhein-Neckar-Zeitung" vom 15. April 1964 - Verleihung des Bundesverdienstkreuzes

Die Lebensjahre von Heinrich Westermann und seiner inzwischen 6-köpfigen Familie von 1933 - 1945 waren von erzwungener Arbeitslosigkeit und materieller Not geprägt, wie bei etlichen anderen Ziegelhäusern auch, die 1933 ihre öffentlichen Berufe verboten bekamen. Eine kleine Kriegsversehrtenrente - mehr nicht. Überlebenswichtig war der "Berg" in der Neckarhelle, wo die Familie eigenen Anbau betrieb, Hühner und ein, zwei Schweine hielt. - Dies aber in der Dimension eines Gartens. Dennoch ermöglichte die Familie den beiden ältesten Töchtern Abitur und Studium, den anderen jeweils eine Berufsausbildung.  Heinrich Westermann war verheiratet mit Frieda, geb. Mohr.

Am 29.3.1945 beendete die amerikanische Armee die Terrorherrschaft in Ziegelhausen. Nazi - "verdiente" - Beamte oder Bedienstete wurden zunächst entlassen. Aber es standen riesige Aufgaben an: Von der Lebensmittelversorgung bis zur Aufstellung eines geordneten Lebens, Unterbringung von Flüchtlingen. Zunächst griffen die Amerikaner auf Otto Hug, ehemals Zentrums - Gemeinderat und kein Nazi - Mitläufer, zurück. Am 9.7.1945 setzten sie Heinrich Westermann in das Amt des Bürgermeisters ein. Der an Zahl kleine Gemeinderat bestätigte ihn am 31.3.1946 per Wahl.

 

Die Schulbehörde bot ihm 1945 den Wiedereinstieg in seine 1933 verlorene Stellung an, aber zu den Bedingungen, als wenn er - heute würde man sagen - unbezahlte Sabbathjahre genommen hätte, während Studienkameraden, die in SA-Uniform vor 1945 in die Schule gingen, nach sehr kurzer Pause wieder eingestellt wurden und es zu Rektoren- oder Schulratsstellen brachten. Es mag aber für die Substanz der neuen Demokratie sprechen, dass Wilhelm Seiler, der berüchtigte NSDAP - Kreisleiter von Heidelberg, 1961 als Lehrer in Ladenburg seinen bezahlten Ruhestand antreten konnte.

Heinrich Westermann blieb nur bis 1948 Bürgermeister , sein Nachfolger war - der erstmals direkt gewählte - Alex Rausch. Er schlug nun dennoch den kommunalpolitischen Weg ein. Bei der ersten Wahl zum Kreistag 1945 wurde er gewählt und wurde dort zum SPD - Fraktionsvorsitzenden und Schulreferenten. 20 Jahre lang war er dann Kreistagsmitglied. Im Jahre 1951 wurde er wieder Gemeinderat in Ziegelhausen und blieb es bis 1968.
Auch seinem Vorkriegsengagement geschuldet wurde er Bezirksvorsitzender des VDK (damals "Verband der Kriegsbeschädigten, Kriegshinterbliebenen und Sozialrentner Deutschlands e. V.") und Sozialrichter beim Sozialgericht Mannheim. "Nebenher" war im Ziegelhäuser DRK Vorsitzender und evangelischer Kirchengemeinderat., neben diesen Funktionsmitgliedschaften noch Mitglied in verschiedenen Ziegelhäuser Vereinen. Er war kein einfacher Charakter, zwar immer geradeaus, konnte er auch mal aufbrausen, wenn ihn jemand hinters Licht führen wollte, er war immer an den Sacherfordernissen orientiert. Oft wurde er mit seinem Zeitgenossen und Parteifreund Herbert Wehner verglichen. Eigenen Machtgelüsten abhold schuf er Hilfsmöglichkeiten für die Menschen im Dorf in dieser höchst schwierigen Zeit.

Kommunalpolitisch widmete er sich drei großen Vorhaben:
1. Als direkter Anwohner war er mit seiner Familie stündlich vom Lärm und den Abgasen und der Platzforderung der durch Heidelberger Straße (Neckarhelle) und Hauptstraße (Kleingemünder Straße) durchfahrenden Autos betroffen.
Dies galt es zu ändern. Dazu mussten sogar die Enkel in der Neckarhelle stundenlang Autos zählen, um datenbasierte Argumente zu schaffen. Heinrich Westermann brachte sich sehr für die Ortsumgehung ein (Heutige L 534) und hatte Visionen für seine Enkel, die nach Fertigstellung der Umgehung "in der Kleingemünder Straße Fußball könnten." - Eine fatale Fehleinschätzung, denn noch heute - über 40 Jahre danach - fahren nach wie vor sehr viele "Nur-Durchfahrer" ungehindert und verkehrswidrig zur Neckarbrücke. Aber die projektive Verantwortung für diese ungeregelten Verhältnisse lag und liegt nicht bei Heinrich Westermann.   

2. Die Neckarschule als Gebäude wurde in den Fünfziger Jahren so eng, dass man in baufällige Baracken auf dem Kuchenblech auswich. Zwangsläufig musste in Ziegelhausen ein zweites Schulhaus her. Der Standort "Steinbach" war schnell gefunden. Doch Ewig-Gestrige witterten die Chance, bei dieser Gelegenheit wieder Konfessionsschulen einzuführen zu können. Die waren aber schon fast hundert Jahre zuvor staatlicherseits abgeschafft worden. Heinrich Westermann bezog vielfältig und eindeutig Position gegen solche anachronistischen Gedankenspiele.
3. Als Nachkriegs - SPD - Bürgermeister war es ihm ein Anliegen, dass nach 20 Jahren CDU - Bürgermeisterschaft (Alex Rausch) wieder ein Sozialdemokrat ins Rathaus einziehen könnte. Richard Bollschweiler gewann diese Wahl 1968 hauchdünn. Hätte Heinrich Westermann nicht den Wahlkampf unterstützt so wäre diese Wachablösung nicht gelungen, auch wenn sie nur 7 Jahre dauerte, denn 1975 wurde Ziegelhausen eingemeindet und die örtliche Verwaltung aufgelöst.

Am 15. April 1964 wurde Heinrich Karl Westermann 70 Jahre alt und konnte auf sehr bewegtes Leben zurück- aber auch noch vorausblicken.
Landrat Steinbrenner, Vorsitzender des Kreistages des Landkreises Heidelberg, ehrte ihn in Vertretung des Bundespräsidenten mit dem Bundesverdienstkreuz, einer Auszeichnung, die seinem langem, beständigen, sozialen und kommunalpolitischen Wirken auch angesichts der Isolation während des "Dritten Reichs" mehr als angemessen war. Die Hoffnung wurde ausgesprochen, dass er sich auch im 8 ten Lebensjahrzehnt neben seiner geliebten Gartenarbeit und den wöchentlichen Kegelabenden in der "Rose" immer wieder mal in die Kommunalpolitik einmischt.

Heinrich Karl Westermann starb 1972.