Die Eingemeindung

1975 - Ziegelhausen wurde Heidelberg

Ziegelhausen am 1. Januar 1975

Gegen den erbitterten Widerstand der Wohnbevölkerung wurde das Dorf Stadtteil von Heidelberg.

Am 1. Januar 1975 wurde die Fahne mit dem rot-weiß-grünen Ziegelhaus eingeholt und an den Ortszugängen kündeten dann gelbe Schilder: „Heidelberg – Stadtteil Ziegelhausen.“

Was war vorausgegangen?

Seit 1968 regierte im Land Baden – Württemberg eine „Große Koalition“ aus CDU und SPD mit Ministerpräsident Filbinger und Innenminister Walter Krause.

Regierung und Landtag sahen die überkommenen Verwaltungs- und Gebietsstrukturen als hinderlich in eine moderne Zeit an. Die Anzahl der Landkreise und Städte hatte den Krieg überdauert und auch die Nachkriegszeit. Nur ganz vereinzelt hatte es vorher schon Eingemeindungen gegeben, so Peterstal zu Ziegelhausen im Jahre 1936, allerdings hatten Großstädte schon vor und in den 20iger Jahren massiv eingemeindet. Neuenheim (1891), Handschuhsheim (1903), Wieblingen, Pfaffengrund, Kirchheim (alle 1920), Rohrbach (1927).

Landkreis Heidelberg bis 1972
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Im damaligen Regierungsbezirk Nordbaden existierten 15 Verwaltungseinheiten, die kreisfreien Städte Mannheim, Heidelberg, Karlsruhe, Pforzheim und Baden-Baden. Daneben gab es noch 10 Landkreise vom Landkreis Mannheim, den Kreisen Heidelberg, Mosbach, Buchen, Tauberbischofsheim, Sinsheim, Bruchsal, Karlsruhe, Pforzheim bis zum Landkreis Rastatt. Seit der Kreisreform vom 1.1.1973 gibt es nur noch den Rhein-Neckar-Kreis, Neckar-Odenwald-Kreis, Landkreis Karlsruhe, Enzkreis, Landkreis Rastatt. (5) Hinzu kamen die ehemals württembergischen Kreise Calw und Freudenstadt(2) - im Ausgleich für Main-Tauber und Sinsheimer Ortschaften, die sich nun im Ldkrs. Heilbronn wiederfanden.

Warum Gebiets- und Kreisreform?

Mit zunehmender Mobilität entwickelte sich sehr oft eine Trennung von Arbeitsplatz und Wohngebiet. Dabei spielten auch Baupreise eine deutliche Rolle und das Verschwinden von immer mehr Einzelhandelsgeschäften auf dem Land. Die immer klammer werdenden Gemeinden mussten aber die soziale und verkehrliche Infrastruktur bereitstellen, während das Geld in der industriell geprägten Kreisstadt verdient wurde und auch dort großteils blieb.

Etliche Bewohner nahmen diese Schieflage auch zum Anlass, gleich in die Kreisstadt zu ziehen. Die Landgemeinden verloren ihre Einwohner und waren immer weniger in der Lage Schulen, Feuerwehren, Kindergärten oder Vereinen die nötige Heimstatt zu geben.

Und.. welche Verwaltungskräfte brauchte eine kleine Landgemeinde von 1 000 Einwohnern? Sind der Bürgermeister, der Ratsschreiber, der Kämmerer ausgelastet, arbeiteten sie effizient? Dieselbe Frage galt z.B. auch für die Landräte der Kreise Sinsheim, Mosbach, Buchen oder Tauberbischofsheim. Könnte man durch Gebietszusammenführung nicht die Effizienz der Verwaltung auslastend steigern?

Die politische Kleinteiligkeit aus der Vorkriegszeit entsprach in der Zeit der beginnenden Europäisierung im Handel und der Industrie nicht mehr den Anforderungen der Wirtschaft. In der Weimarer Zeit entsprach eine Zugfahrt von Mannheim nach Osterburken noch einer "halben Weltreise". Diese Strecke legte nun ein LKW-Gespann auf den neuen A6/A81 in wenigen Stunden mit geschäftlichen Zwischenaufenthalten zurück.

Der Landesentwicklungsplan vom 11. April 1972 gab den Startschuss für die Einrichtung von Ober- , Mittel-, Unter- und Kleinstzentren. Ziel war auch, Gemeinden unter 8 000 EW einer größeren Verwaltungseinheit zuzuschlagen. Erst ab dieser EW-Zahl betrachtete man in Stuttgart Gemeinden als selbständig lebensfähig. Aus 3379 Gemeinden sollten in kurzer Zeit 1111 Verwaltungseinheiten werden. Freiwillig den Wechsel Wollende lockte man mit Sonderzuschüssen.

Nebenbei: Ab 1972 regierte die CDU in Stuttgart mit absoluter Mehrheit, führte aber die Gebiets-, Kreis- und Gemeindereform „unerbittlich“ weiter. (Innenminister Karl Schiess - Nach ihm benannt der "Schiess-Erlass", der die Überprüfung aller Beschäftigten im öffentlichen Dienst auf ihre Verfassungstreue anordnete; Verwicklung in die Abhöraffäre im Gefängnis Stuttgart-Stammheim1975 und nach den Vorgängen im Herbst 1977  vorzeitiger Rücktritt.)

Beispiel Sinsheim:

Neben der Kernstadt wurden weitere 12 Dörfer von Hoffenheim bis Weiler zusammengefasst (eingemeindet), in Weinheim, Bruchsal, Buchen und Bretten war dies nicht anders.

Zur damaligen Zeit machten übrigens die Kirchen und Sport- und sonstigen Vereine diese Eingemeindungen nicht mit. Jeder Weiler behielt zunächst seinen eigenen Pfarrer.

Die Landesregierung machte Bürgeranhörungen zur Pflicht. Dies war aber fast immer ein Schuss nach hinten: Die große Mehrheit der Bürger wollte nicht eingemeindet werden.

Zur Situation im Heidelberger Umland

Ziegelhausen, Dossenheim und Eppelheim galten als Kandidaten für die Eingemeindung nach Heidelberg.

Welche Gemeinde/n galt als selbständig lebensfähig?

  • Im Wesentlichen waren Ziegelhausen und Dossenheim Wohngemeinden, Industrie spielte in Ziegelhausen kaum eine Rolle - mit der Ausnahme der Schokoladenfabrik, Handwerk ja, in Dossenheim produzierte noch der große Steinbruchbetrieb. Im Vergleich dazu produzierten auf Eppelheimer Gemarkung ein paar Betriebe mehr.
  • Alle drei Gemeinden lagen nahe der Stadtgrenze zu Schlierbach, Handschuhsheim und Pfaffengrund/Wieblingen und alle waren Gemeinden im ehemaligen Landkreis Heidelberg.
  • Die Einwohnerzahl in Ziegelhausen lag bei ca. 9 000, die in Dossenheim ähnlich, die in Eppelheim bei 12 000.
  • Straßen- und Bahnanbindung war bei Eppelheim und Dossenheim bzgl. Heidelberg besser.
  • Zunächst vergleichbar war der Schulbesuch der Kinder und Jugendlichen. Noch existierten Hauptschulen (Klassen 5-9) in den Gemeinden, die anderen weiterführenden Schulen wurden in Heidelberg besucht. Allerdings hatten die Dossenheimer ab 1973 eine Alternative in Schriesheim, die Eppelheimer ab 1975 gar eine im Ort. Dies war 1973 schon absehbar. Für Ziegelhausen war nie eine Realschule oder ein Gymnasium ernsthaft angedacht.
  • Zum Einkaufen gingen die Ziegelhäuserinnen außerhalb des eigenen Ortes meistens nach Heidelberg, während Dossenheimer und Eppelheimer schon auch mal nach Weinheim oder Mannheim fuhren.
  • Zu welchen Investitionen waren die Gemeinden voraussichtlich in der Lage? - BM Bollschweiler wies sämtliche Spekulation auf eine klamme Gemeindekasse zurück.
  • Schon im Jahre 1971 allerdings hatte Eppelheim mit der großen Rhein-Neckar-Halle eigene Stärke bewiesen und plante das Progymnasium. Eppelheim hatte unter allen drei „Kandidaten“ die weitaus beste Kassenlage. („Schmankerl“ nebenbei: Schon 1929 und 1935 wollte zumindest die Wirtschaft des „Mauererdorfs“ nach Heidelberg, dies war aber auch am „Nein“ der Heidelberger gescheitert.)
    Ziegelhausen war sicher der „ärmste“ Kandidat, noch gebeutelt vom Bau der Steinbachschule und -halle, kein geeigneter Sportplatz, die Hauptstraße noch ein Durchfahrtsinferno im Neckartalverkehr, keine Sporthalle, kein Schwimmbad.
  • Weiteres "Schmankerl" nebenbei: Im Jahr 1971 sprachen sich nahezu alle Einwohner von Wilhelmsfeld in einer Bürgerbefragung gegen einen Anschluss an Ziegelhausen aus.

Gegen die Eingemeindung dieser drei Gemeinden stand die Zielvorgabe der Landesregierung, Gemeinden über 8 000 EW unangetastet sein zu lassen.

Am 28. Juni 1973 fanden sich die drei Gemeinden zusammen mit anderen aus der Region in Eppelheim zur Großdemonstration gegen die Eingemeindungspläne der Landesregierung ein.

 

Der "Kampf" um Ziegelhausen

Die Akteure

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Richard Bollschweiler (SPD), (1926-1996) - BM 1968-1974
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Rat der Gemeinde Ziegelhausen
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Einwohner in Ziegelhausen
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W. Krause (SPD) (1912-2000) IM 1968-1972
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Karl Schiess (CDU) (1914-1999) IM 1972-1978
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Udo Kraus (SPD) (1924-1987) MdL 1968-1980
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Gerhard Weiser (CDU) (1931-2003),MdL 68-01
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Reinhold Zundel (SPD) (1930-2008) OB Heidelberg 1966-1990
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Chronik der Ereignisse

Jan.   1969    Reg.präs Dr. Munzinger deutet Notwendigkeit  zur Eingemeindung von Eppelheim und Ziegelhausen an wegen „verengter Lage“ Heidelbergs. 
März 1969
Zielplanung des Landesregierung:  Eppelheim, Ziegelhausen, Wilhelmsfeld nach Heidelberg.
Mai   1970 Vorschlag aus Ziegelhausen: „Verwaltungsverbände“ 
Dez.  1970 Regierungspräsidium: „Nur Eppelheim soll eingemeindet werden.“ 
Juli   1971             Innenministerium (Min Krause(SPD)): 
Eppelheim, Dossenheim, Ziegelhausen sollen nach Heidelberg. 
26.07.1971 Kreisreformgesetz - Inkraftsetzung 1973 
Nov.  1971 Min.präs. Filbinger (CDU) lehnt die Erweiterung von Stadtkreisen ab. 
März 1972 Kabinettsbeschluss: Finanzuweisungen werden reduziert, sollte bis zum 2.4.1972 keine Fusion erfolgen bzw. Eingemeindung bis zum 1.1.1973. 
23.04.1972 Bei der Landtagswahl erreicht die CDU die absolute Mehrheit. 
05.02.1973 Die CDU – Abgeordneten und Minister Dr. Gaa und Ernst Weiser sprechen sich gegen Zwangseingemeindung aus. 
01.03.1973 Etliche Landetagsabgeordnete der SPD der Region, u.a. Udo Kraus aus Ziegelhausen beantragen die Aussetzung der Eingemeindungen nach Heidelberg.
24.03.1973 Landesregierung: „Ziegelhausen nicht mehr“ 
29.04.1973 Freiwillige Bürgeranhörung in Ziegelhausen: 95% lehnen eine Eingemeindung ab. 
09.05.1973  Heidelberg fordert die Eingemeindung von Eppelheim, Ziegelhausen, Leimen, Dossenheim
28.05.1973 Innenminister nach Ziegelhausen zur Podiumsdiskussion eingeladen.
13.06.1973    Min. Schiess lehnt ab.                                                                                                   
06.07.1973 In einem Gespräch in der „Stiftsmühle“ sagen die FDP/DVP-Landtagsabgeordneten Unterstützung zu. 
   
   
   
   


 

08.07.1973    Auf Antrag des MdL Udo Kraus u.a. empfiehlt der Sonderausschuss  des Landtags: Ziegelhausen soll selbstständig bleiben
25.10.1973

Vorschaltgesetz:
A
mtszeitverlängerungen für Bürgermeister und Gemeinderat,
Verhinderung größerer Investitionen, Einfrieren Stellenplan,
Bürgeranhörung - für den Gesetzgeber und die Landesregierung nicht bindend.

14.01.1974 Bürgerversammlung im „Rosensaal“
20.01.1974 Gesetzliche Bürgeranhörung: Gegen Eingemeindung 94,5%
30.01.1974   Innenminister Schiess lehnt weitere Einladung nach Ziegelhausen ab.
14.02.1974 Abschluss der Neuordnung durch Kabinett 
20.02.1974 Die CDU-Landtagsfraktion beschließt in Herrenalb die Eingemeindung von Ziegelhausen.
27.02.1974 Die Gemeinde äußert in einem Schreiben an die CDU-Fraktion Enttäuschung und Bestürzung.
05.03.1974 Antwort der CDU-Fraktion in einem hektographierten Schreiben: „Angabe von Gründen nicht möglich.“
11.03.1974 Die lokalen CDU-Abgeordneten Weiser und Dr. Gaa treten nun für die Eingemeindung ein.
Verhandlungen mit der Stadt Heidelberg  
Zustimmung des Gemeinderats Ziegelhausen 14:3 Stimmen
 
02.05.1974 Unterzeichnung des Eingemeindungsvertrags mit Heidelberg
03.07.1974 3. Gesetz zur Verwaltungsreform
01.01.1975 Ziegelhausen ist Stadtteil von Heidelberg
   
   
   
   

Landesjustizminister Bender (CDU) in Ziegelhausen ertappt. 25.6.1973

Er wollte eigentlich zu einem Treffen der "Liga für Menschenrechte" im Hotel "Stiftsmühle". Die Ziegelhäuser bekamen Wind davon und dass er mit dem Hubschrauber auf dem Kuchenblech landen wolle. Der Bender - Tross wusste dann auch über dieses Vorhaben Bescheid und man fuhr mit dem Auto nach Ziegelhausen. Das wiederum sprach sich in Windeseile herum und die Demonstranten zogen mit 1000 Personen durch die Neckarhelle zur "Stiftsmühle". Bender nahm die Herausforderung an und stellte sich - flankiert von MdL Udo Kraus und BM Bollschweiler den Protestlern. Natürlich versprach er nichts außer dieses Thema noch einmal auf den Kabinettstisch in Stuttgart zu bringen.

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Großdemo in Eppelheim am 28.6.1973

5 000 Protestierende aus Eppelheim, Dossenheim, St. Ilgen, Oftersheim, Ziegelhausen trafen sich in Eppelheim in der Rhein - Neckar - Halle, um die gegen die Eingemeindungspläne nach Heidelberg, Leimen und Schwetzingen zu demonstrieren.

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SPD - MdL's stellen Initiativantrag. 1.3.1973

Vier Landtagsabgeordnete der SPD aus der Rhein-Neckar-Region, u.a. der Ziegelhäuser Udo Kraus, möchten in einem im Landtag gestellten Antrag die Landesregierung bewegen, auf die Eingemeindungen zu verzichten. 

Sonderausschuss des Landtags für Gemeindereform, 8.7.1973

"Ziegelhausen soll selbständig bleiben"

Landwirtschaftsminister Weiser (Mauer-CDU) am 27.3.1973

"Die Freiwilligkeit von Gemeindezusammenschlüssen bleibt bis zum 31.12.1974 erhalten." Er zitierte Innenminister Schiess: "Einer oder keiner!" - Gemeint waren die Gemeinden Eppelheim, Dossenheim und Ziegelhausen.

Freiwillige Bürgeranhörung  am 29.4.1973 in Ziegelhausen
Bei hoher Beteiligung lehnten 95% der Einwohner eine Eingemeindung ab.

Gewerbeverband Ziegelhausen an Innenministerium, 26.6.1973

... aus den Erfordernissen und Perspektiven des Gewerbeverbandes lehnen wir eine vorgesehene Eingemeindung ab.

27.7.1973 - Brief von Gemeinderat Hubert Schäfer (CDU) an Innenminister Schiess:

"Ziegelhausen lebt weiter in Existenzangst". 
Schäfer schlägt eine "Dreierlösung" einer Kooperation von Eppelheim, Dossenheim und Ziegelhausen mit der Stadt Heidelberg vor. 
"Kann aber  meine Enttäuschung über die Beschlüsse aus Stuttgart nicht verhehlen."

Brief des Elternbeirates an Min. Schiess, 29.5.1973

"Farce Bürgerbefragung"
"Schüler Opfer der Eingemündung"
"Umspringen der Landesregierung mit demokratischen Willensäußerungen"
"Probleme der Stadt werden nicht durch Eingemeindung gelöst."

16.01.1974 Bürgerversammlung im " Rosensaal"

"Akt schierer Willkür" - Udo Harten, Bürgerinitiative 
"Serie von Ohrfeigen" - Paul Schick, Bürgerinitiative
"Bekenntnis zur Selbständigkeit"-Eubler, Stadler,Hug

20.01.1974 Gesetzliche Bürgeranhörung: Sehr hohe Wahlbeteiligung: 94,5% sagen "Nein

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5 - Punkte - Brief von BM Bollschweiler an Min. Schiess, 25.1.1974

- Einwohnerzahl Ziegelhausens weist nicht in Richtung Eingemeindung
- Es gibt keine bauliche Verflechtung mit Heidelberg
- Es gibt keine sozio-ökonomische Verflechtung
- Entscheidungshilfe für Min. Schiess
- Artikel 74 der Landesverfassung verlangt nicht die Eingemeindung

13. Februar 1974 - Landesregierung weist die Eingemeindung von Zghn zu.

20. Februar 1974 in Herrenalb: CDU-Landtagsfraktion bestätigt diese.

Im Juni 1974 würde die "Hochzeitsprämie" von 750 000 DM verfallen.

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Vollbesetzter "Rose"-Saal - 16.1.1974

14.2.1974 Gemeinderat in Ziegelhausen

BM Bollschweiler greift Landesregierung scharf an: "Nichtberücksichtigung des Bürgerwillens von 95%" - "Beleidigung der Bürger". Bollschweiler will die Stadt Heidelberg zum Aufnahmeverzicht bewegen.
Die Eingliederungsverhandlungen beginnen.

Parteiaustritte

Die Gemeinderäte Dr. Elmar Hug und Kurt Eppinger verlassen aus politischer Enttäuschung die CDU, werden aber von Bürgermeister Bollschweiler um weitere Mitarbeit im Gemeinderat gebeten.

Ohne Erfolg in Stuttgart

Mit letzter Hoffnung reiste eine CDU-Delegation mit Gemeinderäten ins Innenministerium und wurde dort von Staatssekretär Erwin Teufel zum Gespräch empfangen. - Erfolglos!

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MdL Udo Kraus, BM Bollschweiler, A. Stadler

2.5.1974 Unterzeichnung des Eingemeindungsvertrags

Zitat BM Bollschweiler: "Demütigend ist für uns die rigorose Missachtung des Bürgerwillens durch die Landesregierung und die Mehrheitsfraktion des Landtages."

Der Gemeinderat stimmt mit 14:3 Ja-Stimmen der Eingemeindung zu.

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Erste Änderungen im Vorgriff und nach dem 1.1.1975

11.09.1974   Der Gemeinderat benennt Heinrich-Stoess-Straße und Hauptstraße zur "Kleingemünder Straße" um. 

01.01.1975   Die Heidelberger Straße wird zur "Neckarhelle"

06.12.1975   Grundsteinlegung des Sportzentrums mit Hallenbad

 

"Epilog"

Nebenbei: Umgekehrt gab es bereits im Jahr 1905 (Bürgerversammlung im "Adler", dann 1912 (Liberaler Volksverein)  und schließlich 1920 (Verein Neckarhelle)  in Ziegelhausen ansatzweise Bestrebungen für einen Anschluss an Heidelberg, von Ziegelhäusern ausgehend. 

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Wie Heidelberger Kommentatoren das Beitrittsgeschehen werteten

Übersprungene Hürde

Wenn nicht alles täuscht, wird Heidelberg ab 1. Januar 1975 etwa über 130 000 Einwohner und zusätzlich 35 öffentlich Bediensteter sowie etwa zehn weitere Arbeiter Im öffentlichen Dienst und sonstiges Personal wie Reinemachefrauen - zählen. 
Heidelberg wird dann - freiwillig vereinbart - einen neuen Stadtteil Ziegelhausen sein „eigen nennen dürfen", vorausgesetzt, die Gemeinderatsgremien der beiden Gemeinden Ziegelhausen und Heidelberg sagen „Ja“ zur Fusion. Eines ist klar- der Gemeinderat Ziegelhausens hat es nicht leicht, sich zu entscheiden. Er wird an die Voten seiner Bürger denken müssen.  

Er wird aber auch den Umstand mit zu berücksichtigen haben, daß eine freiwillige Eingemeindung einer fast hundertprozentig in Aussicht stehenden, qua Gesetz verordneten, Eingliederung nach Heidelberg eigentlich vorzuziehen ist.Die Gesprächsbereitschaft der Delegation aus Ziegelhausen - die Gesprächsbereitschaft der Verwaltung und der Gemeinderatsfraktionsvorsitzenden - muß begrüßt und gebührend gelobt werden. Hier wurde endlich die Hürde übersprungen, die eigentlich schon längst hätte übersprungen werden müssen. Hier wird ein Beispiel gegeben, daß im Gespräch der Nachbargemeinden untereinander tatsächlich das Verbindende gefunden werden kann.

Dieter Haas, Rhein - Neckar - Zeitung

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„Würden wieder so abstimmen!“ - Retrogespräch am 16.3.2023

Nahezu auf den Tag genau vor 50 Jahren sprachen sich 95% der Ziegelhäuser Wahlberechtigten erstmals gegen die drohende Eingemeindung nach Heidelberg aus. Im Februar 1974 war die Ablehnung noch deutlicher.

Beim Treffen im „Klostergarten“ ließ die Gesprächsrunde die Geschehnisse von 1973 und 1974 Revue passieren, bewertete und beantwortete die Hauptfrage (siehe oben) mit „Ja, wir würden…“.

Paul Meuter und Hubert Schäfer als junge Gemeinderäte mussten im Februar 1974 mit drei Tiefschlägen fertig werden:

  • Alle Anstrengungen, auch über CDU – Kanäle, waren erfolglos.
  • Zusagen von Landtagsabgeordneten zerplatzten in der Luft.
  • Landesregierung und CDU-Mehrfraktion zwangen Ziegelhausen ohne Erklärung in die Eingemeindung.
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v.l. H. Schäfer, A. Baust, B.Stadler,, K. Fanz, P. Meuter

Teilnehmer der Gesprächsrunde waren:
Hubert Schäfer, damals Gemeinderat (CDU) und Rechtsanwalt, Annette Baust, damals Auszubildende im Rathaus, Bernhard Stadler, damals im Hauptamt der Gemeinde, später CDU-Vorsitzender,  Klaus Fanz, damals Lehramtsstudent und heute Bezirksbeirat (B90/Grüne), Paul Meuter, damals Gemeinderat (CDU) und Unternehmer.

Klaus Fanz als Gesprächsmoderator brachte die Vermutung ins Spiel, dass Bürgermeister Richard Bollschweiler damals die Kassenlage von Ziegelhausen schöner geredet hätte als sie war. Hubert Schäfer bestritt das energisch und auch Annette Baust und Bernhard Stadler berichteten darüber, dass die Gemeinde Ziegelhausen nie Kassen- und Haushaltsprobleme gehabt hätte. „Der Beitrag der Gewerbesteuern verlor zwar damals etwas an Bedeutung, dafür stieg die Wichtigkeit von Einkommenssteuern und da hatte Ziegelhausen viele Zuzüge reicher Neubürger zu verzeichnen.“, so Bernhard Stadler.

Fanz fragte ganz direkt: „Welche Konsequenzen hätte denn eine weitere Ablehnung der Eingemeindung durch den Gemeinderat gehabt?“ „Nur die, dass ohne einen Eingliederungsvertrag auf Augenhöhe für die Ziegelhäuser wesentlich weniger zu verzeichnen gewesen wäre als das, was dann im Vertrag aufgeschrieben wurde“, stellte Hubert Schäfer fest.

„Was blieb uns denn anderes übrig“? fragte Paul Meuter, „wir waren von den Bürgern gewählt und mussten in ihrem Sinne handeln. Dieser Sinn war nun staatlicherseits versperrt und so versuchten wir zu retten, was möglich war. Und so unerfolgreich war dies nicht.“

Heidelberg hatte sich zur Umsetzung der Ziegelhäuser Planung hinsichtlich des Köpfelzentrums verpflichtet, zum Bau einer Begegnungsstätte in Peterstal, Bestandsgarantien für beide Friedhöfe, für die Feuerwehrausstattungen, volle Einbeziehung in das Nahverkehrsnetz der HSB, vollständige Übernahme aller Mitarbeiter der Gemeindeverwaltung und – zunächst einzig im Heidelberger Stadtgebiet- die Schaffung einer Bürgerbetreuungsstelle. Bernhard Stadler entwickelte diese Idee weiter und so kam es, allerdings erst 20 Jahre später in der Amtszeit von Beate Weber zu den Bürgerämtern, die auch hoheitliche Teilaufgaben z.B. im Passwesen oder KFZ – Zulassungen ausführen durften.

Klaus Fanz stand damals der Eingliederung nach Heidelberg positiv gegenüber, weil die Orientierung der Ziegelhäuser in sehr vielen Bereichen nach Heidelberg ging, Ziegelhausen im wesentlichen nur als Wohngemeinde fungierte. Der Sündenfall der Bruchs des politischen Willens von 95% der Bürger*innen sei aber niemals hinnehmbar gewesen. Landesregierung und Landtag hätten den überragenden Willen der Bürger respektieren müssen. „Wozu hat denn die Landesregierung die Bürgeranhörung verpflichtend gemacht, wenn sie sich nicht daran halten wollte? Genauso eine Inkonsequenz wie das nicht eingelöste Versprechen, Kommunen über 8 000 EW nicht zwangsweise einzugemeinden.“

Bernhard Stadler fügte dem hinzu, dass die Parteiarbeit in den nachfolgenden Jahren in der nun Stadtteil – CDU keine leichte war, denn der Frust war groß. Man verzweifelte am demokratischen Verständnis der Stuttgarter Entscheidungsträger, auch der in der eigenen Partei. Es kam sogar zu Parteiaustritten.

„Wäre eine solche Ignoranz des demokratischen Willens von Bürgern heute noch / wieder möglich?“

Da war sich Runde nicht ganz einig. Schäfer machte die demokratische Weiterentwicklung staatlicher Institutionen und das gewachsene Selbstverständnis der Bürger zur Grundlage seiner Aussage: „Nein, so wäre dies heute nicht mehr möglich“ – Bernhard Stadler brachte die aktuell beginnende Diskussion über die Errichtung von Windrädern über Ziegelhausen ins Spiel und stellte hierbei die parallele Frage nach Einwirkungsmöglichkeiten von Bürgern.

Klaus Fanz

Dauerschwimmer, Ruderer und Haie - ein Kommentar

Eindrücke, die sich beim Autoren 50 Jahre danach wieder melden, der die Zeit zwar als junger Mann miterlebt hat, aber der jetzt nach Wiederbeschäftigung in Archiven mit Abstand und sachlicher Distanz
auf die Geschehnisse blickt.

Dies ist keine Bewertung, ob die Eingemeindung für Ziegelhausen richtig oder falsch war, sondern eine Beschreibung der damals Handelnden. Nehmen wir als Bild das Wasser:

- Die Landesregierung, die Fraktionen in Stuttgart, das Innenministerium und besonders die Abgeordneten: 
Sie sind jahrelang nur geschwommen ohne festen Boden unter den Füßen, hin und her, meist im Kreis oder um 180 Grad, je nachdem, wo sie gerade ans Ufer gelangten und Reden hielten - mit einer Haltbarkeit von Wochen.

Nicht nur den Abgeordneten der letztlich beschließenden CDU-Mehrheitslandtagsfraktion, sondern auch denen der damalige SPD-Landtagsfraktion, von derem Minister Krause das Ganze eigentlich ausging, waren die Rettungsringe abhanden gekommen.

- Die politische Gemeinde Ziegelhausen saß in einem Boot, wollte wegrudern, aber man hatte die Ruderblätter konfisziert und das Boot angekettet. Hilflos - nach jedem vermeintlichen Retter rufend, der dann aber auch wieder davonlief.

-  Der Haifisch mit den Zähnen, die Stadt Heidelberg und ihr Oberbürgermeister, wissend, dass die Beute nicht entkommen konnte, immer engere Kreise um das hilflose Boot ziehend, auf die Gelegenheit wartend bis das Boot kippen würde. 

- Wunderlich, dass alle Badegäste bzw. "Raubtiere" damals "Recht und Gesetz" für ihr Handeln in Anspruch nahmen, sich mit einer Aura von Seriosität und Verlässlichkeit umgaben, aber doch jeder ins Wasser sprang, wie es ihm und anderen passte und es für ihn opportun schien, egal ob das Boot in Seenot geriet oder nicht.

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